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Blogchallenge

Gastbeitrag: Minimalismus – weniger ist mehr

von Teresa Kaya

Logo zum Blogwichteln des Netzwerks TexttreffIn meinem Lieblings-Text-Netzwerk dem Texttreff gibt es eine tolle Tradition: Das Blogwichteln. Dabei beschenken wir Netzwerkerinnen uns gegenseitig rund um den Jahreswechsel mit einem Blogbeitrag. Letztes Jahr war ich zum ersten Mal dabei. Ich wurde von Barbara Kettl-Römer beschenkt die über Biolebensmittel im Allgäu schrieb. Dieses Jahr schreibt Teresa Kaya vom Blog Familienglück für mich und erklärt, was Minimalismus für sie und ihre Familie bedeutet. Dabei beleuchtet sie auch die Frage, ob Veganismus eine Form von Minimalismus ist. Die Antwort hat mich erstaunt. Viel Spaß beim Lesen dieses Gastbeitrags:

Was der Minimalismus unserer Familie schenkt

Befreiung, Befriedigung und Bereicherung. Das sind drei Schlüsselbegriffe, die mir sofort in den Sinn kommen, wenn ich daran denke, was Minimalismus für mich und meine Familie bedeutet. Ich gebe zu: Vermutlich nicht gerade das, was andere sich unter Minimalismus vorstellen. Auch ich stutze im ersten Moment, denn die drei B-Worte erinnern mich erstmal an dogmatische Heilsversprechen aus spirituellen Ratgebern oder im Lebenshilfe-Jargon. Auf den zweiten Blick verfestigen sich die Begriffe aber.

In Zeiten von der unumkehrbaren Gewissheit des Klimawandels, der immer stärker seine Schatten vorauswirft, tut es uns gut, selbst aktiv zu werden und etwas tun zu können. Grund genug, meiner lieben Textinen-Kollegin Julia, euch und mir zu beschreiben, warum der Minimalismus inmitten dieser gesellschaftlichen Herausforderungen mich und uns als Familie befreit, befriedigt und bereichert.

Minimalismus ist für mich Befreiung …

… denn es geht in erster Linie darum, Dinge, die uns Zeit und Raum stehlen und die Luft zum Atmen nehmen, loszulassen. Es gibt dieses Sprichwort „Wer loslässt, hat zwei Hände frei“. Das heißt, ich muss häufig mal loslassen, um Neues anpacken zu können. Durch die Ungebundenheit kann ich mich besser auf das Hier und Jetzt konzentrieren und habe mehr Zeit für Erlebnisse, die das Leben lebenswert machen. Das war früher häufig – viel zu häufig – der Shopping-Wahn im Sale, Pre-Sale oder Mega-Sale, daheim stundenlanges Durchblättern der Hochglanz-Magazine und das Vormerken der nächsten Anschaffungen. Das Anhäufen und Konsumieren machte aber auch vor anderen Lebensbereichen keinen Halt. Meine innere Stimme ließ nicht locker und beschäftigte mich mit andauernden Fragen, wie „Ich habe nur drei enge FreundInnen?“, „Wir fliegen nicht mindestens einmal im Jahr in Urlaub?“, „Deine Kinder haben nicht die neueste Technik?“ oder „Wir unterstützen Massentierhaltung und Tierquälerei für unsere Lebensmittel im Überfluss, die wir dann wegschmeißen. Darauf folgte die immer gleiche Antwort: „Das ist doch nicht normal!“. Und dann war’s damit nicht getan. Denn all die Dinge, die sich hier ansammelten mussten ja auch gehegt und gepflegt, geputzt und gewienert werden. Für mehr Sachen benötigte ich mehr Möbel, mehr Platz, mehr Zeit. Immer häufiger fragte ich mich, ob es das wert war.

Schluss mit höher, schneller, weiter

Nach und nach wurde mir bewusst, dass ich mich vom kapitalistischen Konsumwahn gefangen fühlte und ich das nicht länger zulassen wollte. Spätestens mit der Geburt unseres ersten Kindes und den damit verbundenen so klischeehaften – und erhöhten – Ansprüchen an ein größeres Auto, eine größere Wohnung, eine größere Tasche usw. wurde das klar. Einfach alles größer. Dabei sind die Kleinen ja erstmal noch eine ganze Weile mit möglichst wenig Platz und Raum zwischeneinander, also wenn sie eben immer mittendrin und nicht alleine in einem anderen Zimmer sind, sowieso am Zufriedensten.

Als mir das nach und nach klar wurde, habe ich einen – erst im Nachhinein als radikal erkannten – Schnitt gesetzt und das Motto „höher, schneller, weiter“ über die Jahre hinweg gemeinsam mit meiner Familie durch „tiefer, langsamer, weniger“ ersetzt. Bisher haben wir es nicht bereut, sondern genießen viele neu gewonnene Freiheiten.

Minimalismus ist für mich Befriedigung …

… denn die minimalistische Grundhaltung macht mich zufrieden und friedlich. Dadurch, dass ich mir erlaube, mich nicht ständig auf das Außen, z. B. Kaufangebote oder das Entstauben meiner Deko-Objekte zu konzentrieren, habe ich plötzlich viel mehr Zeit für das Innen und die Menschen, die ich gerne habe. Zugegeben, das Umdenken und die daraus resultierende Zeitersparnis führten zu einer Leere und das war anfangs ein regelrechter Schock. Denn Gewohnheiten zu verändern ist kein einfacher Schritt. Anregungen dafür, womit ich die neu gewonnene Zeit verbringen könnte, holte ich mir in aktuellen Studienergebnissen der Positiven Psychologie. Den Fokus auf das zu legen, was an Fülle bereits da ist und sich in Dankbarkeit dafür zu üben, hebt die Stimmung. Das belegen mehrere wissenschaftliche Studien (tolle wissenschaftliche Artikel in englischer Originalsprache findet ihr beim Greater Good Magazine unter dem Schlagwort „thankfulness“). Natürlich musste ich das üben und mache häufig zwei Schritte vor und drei zurück. (Übrigens ist das auch für die Umgebung nicht immer ganz leicht, inzwischen haben sich aber viele Freund*innen und Familienangehörige an unseren minimalistischen Lebensstil gewöhnt.)

Aber in den Momenten, in denen ich es schaffe, die Zufriedenheit und den daraus resultierenden Frieden in mir zu spüren, weiß ich, dass ich für mich den richtigen Weg gefunden habe. Es hilft mir auch, besser mit unserem kapitalistischen System umzugehen. Und manchmal ist es eben unvermeidlich, dass wir etwas anschaffen müssen. Für diese Fälle habe ich mir einen Dreischritt überlegt, der mir einen bewussten Umgang mit dem Konsum ermöglicht.

Bewusster Konsum

Wenn ich von etwas brauche, dann stelle ich mir stets drei Fragen:

  1. Ist das, was ich meine zu brauchen, wirklich mein Bedürfnis oder steckt etwas anderes dahinter?
  2. Was möchte ich womit befriedigen?
  3. Wie und wo bekomme ich das, was mir und meinen Werten entspricht?

Diese tiefergehende Beschäftigung mit meinen Bedürfnissen erlaubt mir, so manche „false friends“ zu entlarven und die Freude darüber, wenn etwas Neues in mein Leben einzieht, z. B. wie letzte Woche eine Akkupressurmatte, ist umso größer. Ich freue mich wie verrückt über den neuen Gegenstand, natürlich auch, wenn wir ein neues Buch bekommen oder die Kinder aus Paketverpackungen einen Satelliten gebastelt haben. An diesem Punkt ist es vielleicht noch erwähnenswert, dass wir nicht unbedingt alles immer neu kaufen, sondern uns an die Konsumpyramide halten (Mehr zur Konsumpyramide).

Und wenn’s dann doch mal wieder zuviel wird? Alle paar Wochen kommen alle Gegenstände nach Themen geordnet auf den Prüfstand: „Ist das etwas, was ich wirklich in meiner Umgebung haben möchte?“ Oder wie Marie Kondo entsprechend ihrer sehr erfolgreichen KonMari Methode fragen würde: „Does it spark joy?“ Das heißt soviel wie „Versprüht der Gegenstand Freude?“ Wenn nicht, kommt er weg. Ja, einfach so. Gegen jeden Widerstand. Das war ein Prozess und letztlich eine große Befreiung! Womit wir wieder beim ersten Absatz wären 😉

Minimalismus ist für mich Bereicherung

Minimalismus klingt ja erstmal nach Entbehrung. Auf den ersten Blick scheinen vor allem lieb gewonnene Traditionen und Feste bedroht. Bedeutet Minimalismus Verzicht auf Geschenke zu Weihnachten, Geburts-, Namens- oder Hochzeitstag? Keine Silvesterböller, kein Osternest, keine Deko für Weihnachten? Zudem leben wir vegan. Und auch der veganen Lebensweise wird gerne Entbehrung und Verzicht unterstellt.

Julia fragte mich: „Ist Veganismus auch eine Form von Minimalismus für euch?“

Nun ja, man kann es schon so sehen. Denn wir verzichten, wo immer es möglich ist, auf tierische Produkte, vom Lederschuh über Gummibärchen mit Gelatine (ein Hoch auf die kleinen Firmen mit Alternativen und veganem Sortiment) bis hin zu Wollsocken. Da steht also auf der einen Seite der Verzicht.

Minimalismus bietet Vielfalt

Nun kommen wir aber zu dem, was ich auf der anderen Seite entdeckt habe und das ist eine unheimliche Vielfalt. Eine ganz neue Welt hat sich für uns aufgetan. Statt Gouda, Emmentaler und Camembert essen wir abends selbstgemachte Aufstriche, wie Hummus oder Oliven-Tomaten-Creme und Cashewkäse (ja, das gibt’s und schmeckt uns sehr gut). Der Duden sagt zum Begriff Minimalismus folgendes:Bewusste Beschränkung auf ein Minimum, auf das Nötigste. Und das ist so ziemlich das Gegenteil von Veganismus. Denn wir lieben die neu entdeckte Diversität an Lebensmitteln. Okay, in Sachen Kleidungsstücken gibt’s noch deutlich Luft nach oben! Und die oben erwähnten Rituale und Feste? Da haben wir unseren ganz eigenen Weg gefunden, alles nachhaltig zu gestalten und dennoch die wunderbar besondere Atmosphäre solcher Anlässe zu wahren. Wie wir das zum Beispiel an Weihnachten machen, könnt ihr im Dezember-Post auf unserem Blog über unser persönliches Familienglück nachlesen. In meinen Augen ist vieles sogar noch schöner geworden als früher, weil eben mehr Zeit für Wesentliches bleibt und ich nicht mehr beispielsweise am Vorabend des 1. Advents einen Adventskranz herzaubern muss – denn der steht unten im Keller und wartet jedes Jahr neu auf seinen Einsatz.

Somit fühlen wir uns häufig sehr, sehr reich. Und das auch aus einem anderen Grund: Denn die Grundhaltung, jeden einzelnen Kauf als Wahlzettel zu sehen und damit ganz genau abzuwägen, was ich erstens wirklich brauche und was ich zweitens mit meinem Konsum unterstützen möchte, spart uns häufig bares Geld. Inzwischen gibt es auch bei ökofairer Kleidung mehr und mehr Angebote, so dass man sich nicht zwingend in eine finanzielle Krise stürzen muss, wenn man neue Socken braucht. Wie man mit weniger Arbeit mehr Zeit und dennoch zum Leben ausreichend haben kann, das haben wir von der so genannten Frugalismus-Bewegung gelernt. Aber das ist nochmal ein anderes Thema, das ihr gerne auf Familienglück im Beitrag Finanzielle Freiheit für Familien lesen könnt.

Dies ist ein Gastbeitrag von Teresa Kaya vom Blog Familienglück.

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